Familiar Facades

A multimedia street artwork together with refugees and social scientists

In den politischen und medialen Debatten über Migration und Zuwanderung nach Deutschland ist es auffallend, dass meist, die Menschen, um die es massgeblich geht, nämlich, Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nach Deutschland migrieren, nicht zu Wort kommen. Dieser Umstand macht deutlich, dass wer sprechen und sich und seine Meinung präsentieren darf und wer nicht, eine Frage von Macht ist. Dies zeigt sich auch daran, dass meist Experten zu Rate gezogen werden, die stellvertretend für die vielen Menschen, ihre Erfahrungen und Perspektiven stehen. Es wird also versucht, Migration zu objektivieren.

Des weiteren schafft dieser Umstand die Illusion, dass es etwas wie eine einheitliche deutsche Mehrheitsgesellschaft gibt, der eine einheitliche Gruppe, „die Migranten“, gegenübersteht. Hierbei erscheint es wichtig, immer wieder das „andere“, das „Fremde“ herauszuheben und zu rekonstruieren. Ähnlich wie in Diskursen über Armut und Krankheit, werden in Fragen der Migration, keine Dialoge, im Sinne einer gleichberechtigten Auseinandersetzung und eines Austausch geschaffen, sondern es werden Konzepte, Kategorien und Bilder von Menschen kreiert, die häufig von Rassismen und Stereotypisierung geprägt sind. „Familiar Facades“ ist ein multimediales Angebot sich alternativ zu dem medialen Mainstream zu Migration und der Flüchtlingsbewegung zu informieren, auszutauschen und ins Gespräch zu kommen. Jeder Mensch kann zu einem Flüchtling werden. Dies ist die grundsätzliche Botschaft und man muss kein Experte sein, um mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und sozialen Kontexten ins Gespräch zu kommen.

Das Projekt wird in einer Fotoausstellung, auf eine Website und Facebook als Plattform präsent sein. Innerhalb von sechs Monaten fotografiert Harald Geil Menschen, die nach Deutschland gekommen sind und sich auf Großplakaten präsentieren wollen. Während und nach der Fotosession entsteht ein Videointerview. Hier stehen die Geschichten der Menschen im Vordergrund, über ihr Leben in Deutschland, über ihre Heimat, über ihre Flucht, ihre Perspektive auf Deutschland.... etc... Wichtig hierbei ist, dass die Personen selber bestimmten, was ihnen wichtig ist mitzuteilen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass der Fotograf, die Interviewsituation er und sein gegenüber auflöst, und alle Personen, die sich fotografieren lassen, bittet, selber zum Interviewer zu werden. So entstehen ganz unterschiedliche Gesprächsdokumente, das Interesse und der Fokus der Videodokumente variieren von der Zusammensetzung der Gesprächspartner.... Das Projekt „Familiar Facades“ ist zwar in Berlin angesiedelt, erreicht aber durch die Website und die Facebook Plattform auch andere Menschen und Regionen. Idealerweise, können auch in anderen Städten, die Gesichter von Personen an Hausfassaden erscheinen und ihre Geschichten gehört werden. Die Idee geht somit auf Reisen. 

Großstädte stellen Orte von auffallender Veränderung und Transformation dar. Das Multimediaprojekt „Familiar Facades“ beschäftigt sich mit Fragen der Urbanität und des Wandels von urbanen Regionen im Kontext globaler Veränderungen. 


Hierbei stehen die Menschen und Gemeinschaften als soziale Akteur/-innen, als Gestalter/-innen urbaner Lebenswelten und Lebensformen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Interesse liegt vor allem auf den sozialen und kulturellen Mikrostrukturen ebenso wie den Beziehungen, Netzwerken und Alltagsroutinen, in denen sich städtische Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung vollziehen. Die Stadt ist ein Raum kultureller Praxis, ein Ort sozialer Interaktion und kultureller Repräsentation. Hierbei sind es die Menschen und ihre sozialen Interaktionen, die einen öffentlichen Raum prägen und dort ihre Spuren hinterlassen. 

Der öffentliche Raum ist somit auch ein machtbesetzter und umkämpfter Ort. Mit dem Projekt: „Familiar Facades“ soll der Frage nachgegangen werden: Was und wen sehen wir im öffentlichen Raum? Wen und was hören wir im öffentlichen Raum? Überdimensionale Portraits von Menschen und begleitend die Geschichte der abgebildeten Person werden an Hausfassaden tapeziert. Die Portraits werden als schwarz-weiß Fotodruck, samt QR-Code (Quick Response Code) auf dünnem Plakatpapier, an die Hauswände angebracht. 


Die gut vernetzten Betrachter/innen eines solchen Portraits gelangen nun, via QR-Code, mit dem Smartphone oder Tabletcomputer, zu den persönlichen Videodokumenten. Weiterhin kann man auf der Website über ein Jahr immer wieder neue Interviews und Berichte zu dem Themenkomplex „Flucht und Migration“ finden. Die Inhalte der Website werden jedoch zusammen mit den Beteiligten kreiert, das bedeutet, dass Inhalte erst einmal gemeinsam diskutiert und erarbeitet werden müssen. Facebook als Plattform bietet die Möglichkeit, sich mit allen Interessierten zu vernetzen und schafft eine Möglichkeit, ein anderes soziales Netzwerk aufzubauen...